Archiv der Kategorie Savoir Vivre

Den Gentleman erkennt man an den Schuhen

Oscar Wilde ließ einen seiner Protagonisten im „Dorian Gray“ sagen: „Ein Gentleman weiß stets alles, was er wissen muss. Doch wenn jemand kein Gentleman ist, nützt ihm auch alles Wissen nichts.

Das gilt auch für Schuhe. Klassische Converse Allstars zum Anzug können während des Rahmenprogrammes durchaus ein stilistisch positives Statement sein. Aber klassische Qualitätsschuhe sind wesentlich langlebiger als die lässigen Leinentreter. Die Königsklasse sind hier die handgefertigten, rahmengenähten Schuhe, vorzugsweise aus Bockskalbleder für den feinen und aus Pferdeleder für den rustikalen Einsatz, beispielsweise auf Messen. Was die Fury- und Black-Beauty-begeisterte Töchter der Träger empören mag, stellt sich spätestens nach drei Tagen Expo-Real als Investment mit hoher Rendite heraus. Denn wessen Füße schmerzen, der ist genervt und geht früh heim. Wer sich keine Maßschuhe bei den Virtuosen rund um die Bond Street in London fertigen lässt, der kauft in Spezialgeschäften, wie „von Truschinsky Schuhe“ in Berlin. Geschäftsführer Klemens von Truschinsky erklärt anhand der vielen vertretenen Edelmarken für den Herrn, woran man erkennt, ob ein Schuh sein Geld wert ist: „Ob nun ein Schuh aus maschinell gestanztem oder von Hand ausgeschnittenem Leder bei Kleinserien besteht, ist nachrangig. Jedoch ist die Passform eines Schuhes wichtig. Auch bei rahmengenähten Schuhen gibt es Faltenwurf. Doch nicht perfekt passende Schuhe werfen zu große Falten und wirken ausgetreten. Wenn wir für unsere Kunden Maßkonfektionsware anbieten, ist die Passform eines der wichtigsten Elemente, um dem Schuh eine edle Ausstrahlung zu versehen. Wichtig ist natürlich auch, dass der Schuh nicht zu klobig wirkt und mit dem richtigen Pflegemittel behandelt wird. Mit Saphirwachs und Rosshaarbürste gepflegt, können auch weniger teure Schuhe einen edlen Glanz bekommen.“ Wenn der Gentleman nun noch wissen will, welche Schuhform er bei welchem Anlass trägt, schaut auf die „Benimmseite“ des Schuhhändlers von Truschinsky:

http://www.von-truschinsky.im-netz.de/abc.html

Veröffentlicht im Immobilienmanager September 2007: www.text-kontor.de

Julien Rei

 

Julien Reitzenstein

Julien Reitzenstein von Ingo v. Jordan

von Ingo v. Jordan

Weinhandel in Köln im Mittelalter


Was kann ein moderner Staat wie Deutschland in Bezug auf Wirtschafts- und Fiskalpolitik aus der Geschichte lernen? Eine Menge, jedenfalls aus der Kölner Geschichte. Im Spätmittelalter war die ehemalige römische Colonia Claudia Ara Agrippinenis am Rhein die zweitgrößte Stadt der Welt und hatte 40.000 Einwohner. Nur London, das ehemalige Londinium, war mit 60.000 Einwohnern noch größer. Köln hatte schon immer großen Bürgerstolz und eine Wiederborstigkeit gegenüber jeder Obrigkeit. Das mussten Generationen von Erzbischöfen leidvoll erfahren. Doch Köln war ein wichtiges Element mittelalterlicher Reichspolitik. Um Köln bei Laune zu halten, bekam es zahlreiche Privilegien. Das wirtschaftliche wichtigste war das Stapelprivileg. Durch diese Legislation wurden Kaufleute, deren Routen durch das Kölner Umland führten, gezwungen, nach Köln einzureisen, dort ihre Waren aufzustapeln und den Kölnern zum Kauf anzubieten. Das, was übrig blieb, konnte dann im Zielgebiet verkauft werden. Das war ein großer Handelsvorteil für die Kölner Kaufleute und Messebesucher. Viel größer war jedoch der Vorteil für das Kölner Gemeinwesen, das über ein sehr ausgeklügeltes direktes Steuersystem verfügte. Dies lässt sich am Beispiel eines der wichtigsten Wirtschaftszweige Kölns verdeutlichen, dem Weinhandel. Da im Mittelalter Friedhöfe und Brunnen zumeist innerhalb der Stadtmauern lagen, musste das Trinkwasser desinfiziert werden. Dies geschah durch die Beimischung von Wein. Aus Kostengründen wurde der Wein jedoch nur selten pur getrunken. Aber auch purer Wein musste damals unter Beifügung von Gewürzen erst richtig schmackhaft gemacht werden. Doch damit das geschehen konnte, musste der Wein erst von den Anbaugebieten am Oberrhein zu den Verbrauchern gebracht werden. Der Strom war vor seiner Begradigung im 19. und 20. Jahrhundert durch viele Stromschnellen sehr gefährlich. Daher wurde der Wein auf kleinen, wendigen Booten transportiert. Dabei lagerte er in Fässern, die von lokalen Küfern in verschiedensten Größen gefertigt wurden. In der Kölner Gegend wurde der Rhein ruhiger. Hier wurde aus Logistikgründen umgeladen auf große Flussschiffe. Durch das Stapelprivileg fand dieser Vorgang im Kölner Rheinhafen statt. Die Schiffer aus dem Oberland, also in Stromrichtung oberhalb Kölns, wurden Oberländer genannt, die unterhalb Kölns Niederländer. Die Oberländer machten ihre Schiffe an der Kölner Hafenmole fest. Abgeladen wurden die Fässer vom städtischen Kranmeister, der dafür eine Gebühr kassierte. Von der Mole in die Stadt wurden die Fässer von dem entsprechenden Berufszweig, den Schrödern, auf Schubkarren transportiert. In einer Kanzel über dem Stadttor saß der Akzisemeister, der den Einfuhrzoll bestimmte. Der Wein wurde dann auf einem Platz abgeladen, an dem der Röder saß. Dieser leerte die nicht genormten Fässer und füllte dann den Wein mit einem genormten Gefäß zurück und ritzte die Füllmenge auf dem Fass ein. Diese „Kölner Ritzung“ war die offizielle Eichung für Weinfässer in allen Gebieten nördlich von Köln, bis nach Bornholm und Nowgorod. Doch die Ritzung lies sich die Stadt Köln bezahlen. Anschließend wurde der Wein in den Gasthof gebracht, wo der Kaufmann nächtigte. Es war Wirten jedoch bei hohen Strafen verboten, Käufer und Verkäufer gleichzeitig zu beherbergen. Und zudem durften beide Gruppen auch auf der Strasse nicht miteinander sprechen. Kontakt haben durften sie ausschließlich in Anwesenheit so genannter städtischer Unterkäufer, die als Makler wirkten. Auch die Maklergebühr ging an die Stadtkasse. Nachdem alle Geschäfte abgewickelt waren, wurde der Wein wieder vom Schröder zum Hafen gefahren, nicht ohne dass auch hier wieder eine städtische Gebühr und ein Ausfuhrzoll anfiel. Für das Verladen auf die Niederländerschiffe kassierte der Kranmeister eine letzte Gebühr, danach begann der freie Handel. Doch nicht nur fremde Kaufleute wurden vom raffinierten Kölner Fiskus zur Kasse gebeten. Ein beliebter Nebenerwerb der Kölner Bürger war es, ein Fass Wein zu kaufen und temporär die Wohnstube zur Kneipe zu wandeln. Den Ausschank zeigten sie durch das Anbringen eines Straußes an der Haustür an. Doch die Genehmigung für eine Straußwirtschaft war daran gebunden, dass der Straußwirt sein Personal bei der Stadt mietete. Der Kassierer zweigte am Schichtende gleich die Steuer und die Personalgebühren ab. Das Steuersystem der Stadt Köln im Mittelalter war zwar umfassend und ausgeklügelt, aber direkt und effizient organisiert. Die Stadt nahm viel Steuern ein – ohne nur eine einzige Steuererklärung einzufordern. Doch die Einnahmen wurden nur selten konsumptiv verwendet. Die oft ehrenamtlich wirkenden Kölner Stadtväter investierten das hohe Steueraufkommen klug in Handel und Tourismus. Denn Köln hatte eine der höchsten Dichten an Kirchen mit Reliquien in Europa. Unzählige Pilger besuchten die Kirchen für ihr Seelenheil – und brachten weiteres Geld in die Stadt. Trotz der Aufsässigkeit gegen den Erzbischof in seiner Funktion als Kurfürst des Reiches waren sich Kirche und Stadt in Bezug auf den Pilgertourismus meist einig, was zu immer neuen Reliquienkäufen führte, sondern auch die Immobilienwirtschaft beeinflusste. Nachdem der Kanzler Kaiser Friedrich Barbarossas, der Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln brachte, boomte der Tourismus. Dass diese Heiligen nie heilig gesprochen wurden, war den meisten Pilgern, die in den Dom strömten, wohl nicht bekannt. Doch ohne Dom-internes Verkehrsleitsystem kollidierten die zum Altarschrein gehenden Pilger mit den heraus kommenden. Also musste ein neuer Dom her mit einem Chorumgang. Der Nachfolger Rainalds, Philipp von Heinsberg sorgte für die Finanzierung. Nach zuviel politischen Übermut enteignete Barbarossa 1180 den mächtigsten Reichsfürsten, seinen Vetter Heinrich den Löwen, Herzog von Bayern und von Sachsen. Das Herzogtum Bayern wurde aufgeteilt. Der Graf von Andechs erhielt südliche, Herzog Heinrich Jasomirgott von Österreich östliche Teile. Den Kern erhielt Markgraf Otto von Wittelsbach, dessen Nachkommen bis 1918 über Bayern herrschte. Aber auch Sachsen wurde geteilt. Der östliche Teil wurde Herzogtum Engern genannt und ging an Bernhard von Anhalt, dem Enkel des Stammvaters der Askanier, Albrecht dem Bären. Noch heute zeigen die Wappen von Magdeburg und Sachsen-Anhalt den Bären. Der westliche Teil wurde Herzogtum Westfalen genannt und ging an den Erzbischof von Köln. Da König Otto der Große um die Jahrtausendwende seinem Bruder und Kanzler Brun nicht nur das Erzbistum Köln verlieh, sondern auch das linksrheinische Herzogtum Lotharingien, besaß Philipp von Heinsberg nun 1180 rechts- und linksrheinisch herzogliche Rechte. Das brachte die Einnahmen zur Finanzierung des neuen Kölner Doms. Dieses Meisterstück gotischer Baukunst besitzt einen Chorumgang mit Kapellenkranz, um die Pilger im Einbahnstraßensystem an den Reliquien vorbei zu führen. Den Grundstein legte Philipps Nachfolger Konrad von Hochstaden 1248. Doch schon bald entstand nach dem Tod von Barbarossas Enkel Friedrich II. ein politisches Vakuum im Reich, weil der Kaiserthron viele Jahre unbesetzt blieb. Wer Rechte hatte, konnte diese nur noch selten durch die Staatsmacht garantieren lassen. So bröckelte auch das Stapelprivileg und die Einnahmen der Metropole am Rhein gingen zurück. Der Dombau wurde schon 1530 aus Geldmangel eingestellt. Er wurde erst nach einer Initiative des Landesherren König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und des ersten deutschen Denkmalschützers Karl Friedrich Schinkel wurde der Dom 1880 vollendet. Ein effizientes, für jeden überschaubares Steuersystem, eine Förderung von Tourismus, weniger Staat und mehr Eigenverantwortung an der kommunalen Basis können Prosperität bewirken. Es kann nicht schädlich sein, öfters mal nachzuschlagen, welche Misserfolge und Erfolge die Geschichte lehrt. Denn Räder müssen auch in Deutschland und in Köln nicht zweimal erfunden werden.

Julien Reitzenstein

Veröffentlicht in der Köln Edition August 2007: www.text-kontor.de

Julien Reitzenstein von Ingo v. Jordan

 

Julien Reitzenstein von Ingo v. Jordan

 

Julien Reitzenstein von Reitzenstein Jordan Julien v. Reitzenstein Ingo

Warum die Sinus-Milieus von heute

Warum die Sinus-Milieus von heute

für die Mieter von Morgen von Gestern sind.

Ariadne v. Schirachs neues Buch zeigt nicht nur die Veränderung des Paarungsverhaltens der jungen Generation. Es wird deutlich, dass sich Lebensentwürfe und damit auch Immobilienansprüche in den nächsten Jahren radikal verändern.[1]

Das Hauptstadtmagazin ZITTY brachte im Februar 2007 eine Titelgeschichte, deren Wirkung symptomatisch ist für den Tunnelblick der Republik. „Meine Armut kotzt mich an! Kein Geld, aber tausend Ideen: Urbane Penner sind die unterschätzte, kreative Elite Berlins.“[2] Plötzlich stellte jeder Meinungsmacher, aber auch jeder Entscheider fest, dass er Angehörige der genannten Gruppe kennt, aber nie geahnt hätte, wie groß diese ist. Große Gruppen werden, sobald sie schematisch fassbar sind, eine Ordnungsnummer im Elementesystem des Targetgroupmarketing. Aber sie öffnen auch der persönlichen Wahrnehmung Horizonte. Wer heute mit offenen Augen durch Deutschland, durch den Prenzlauer Berg, Friedrichshain und andere kreative Viertel der Republik geht, sieht plötzlich unzählige hip bis spießig gekleidete Menschen mit Notebooks eifrig arbeitend in Cafés sitzen. Aber diese Menschen, die das hochverzinsbare kreative Kapital eines Deutschlands im Abgasschweif der Globalisierung sind, haben innovative Lebensentwürfe. Bis in die 70er ließen sich Lebensentwürfe mit Finanzamtsmerkmalen abbilden. Die Abgebildeten waren als Zielgruppe klar fassbar. Als die Grenzen immer mehr verschwammen, wurden die Raster feiner und wandelten sich zu Koordinatensystemen, die unter anderen GfK oder Sinus gut dokumentierten.

Das neue Buch von Ariadne von Schirach „Der Tanz um die Lust“ zeigt, dass aus diesen Koordinatensystemen Vektorensysteme werden müssen, wenn modernes Immobilienmarketing Schritt halten will mit dem, was heute Avantgarde ist und den Immobilienkunden von morgen prägt. Denn die Grenzen verschwimmen weiter.

Unabhängig von der beeindruckenden Persönlichkeit von Schirachs, die SPIEGEL-Kulturchef Matussek im Buch „Wir Deutschen“ zum Schwärmen bringt und das Lager der Kritiker spaltet, gibt das Buch „Der Tanz um die Lust“ einen unterhaltsamen Einblick in das Paarungsverhalten der modernen Metropolenavantgarde. Am Beispiel der Herzschmerzerfahrungen ihrer Freunde zeigt sie brutal offen, doch stets mit sensibler Distanz, welchen Blick auf die Welt die heutige Generation um die Dreißig hat. Die Erkenntnis, dass die Jugend immer früher beginnt und immer später endet, ist allernorts zu beobachten. Das Internet rückt die Menschen im globalen Dorf zusammen und entfremdet sie dennoch. Durch die unzähligen Möglichkeiten, den idealen Partner zu finden, werden die Ansprüche größer und die Kompromissfähigkeit kleiner. Ariadne von Schirach zeigt, dass die Pornographisierung der Gesellschaft der Feind des großen Liebe ist, die stets nach einem Nest strebt. Und auch Nester sind Immobilien.

Gewiss, das Berliner Nachtleben ist ein Extrem und nicht zu vergleichen mit der Provinz. Aber als in Hintertupfingen das erste Piercing-Studio eröffnete, war Piercing für die Avantgarde schon wieder Mode von gestern. Aus diesem Blickwinkel lassen sich durch die Betrachtung singulärer Zukunftsplanungen der Freunde von Schirachs keine Projektentwicklungsstrategien ableiten. Aber es ist ein tiefer Einblick in das Denken einer Zielgruppe, aus dem viele Aspekte für zukünftige Planungen zu ziehen sind. Die Lektüre ist lehrreich, aber nicht belehrend, schockierend, hell und ein Feuerwerk der Unterhaltsamkeit.

Empfehlung: „Der Tanz um die Lust“ ist die Pflicht-Strandlektüre für Immobilienmanager im Urlaub 2007!

Veröffentlicht im Immobilienmanager www.immoblienmanager.de im Mai 2007: http://www.text-kontor.de/5.html



 

[1] Ariadne von Schirach, Der Tanz um die Lust, Goldmann Verlag, € 14,95

 

[2] http://www.mercedes-bunz.de/index.php/texte/urbaner-penner/

 

 

Julien Reitzenstein von Ingo v. Jordan