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Wissen ohne Wissenschaft?

 

Einer der Grundsätze der Chipindustrie ist Moore’s law. In diesem Zusammenhang bemerkte Gordon Moore: „Wäre die Entwicklung in der Automobilindustrie so schnell wie in der Halbleiterindustrie vorangeschritten, würde ein Rolls Royce mit fünf Litern Benzin eine Million Kilometer weit fahren. Und es wäre billiger, ihn wegzuwerfen, als ihn zu parken.”

 

Dies war zunächst auf die technischen Entwicklungsmöglichkeiten gemünzt. Schaut man sich jedoch an, welche Innovationserfordernisse verschiedenste Branchen in letzten Jahren bewegen – und bewegen müssen – zeigt sich, dass sehr genau geschaut wird, was der Kunde und Nutzer erwartet und wie dieser Erwartung möglichst effizient entsprochen werden kann.

 

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Innovationen die Immobilienindustrie in den letzten Jahren hervorgebracht hat, um ihre Zukunftsfähigkeit zu optimieren – und welcher Zweig der Branche hier wie reüssierte.

 

Zur Erinnerung: Es war ein Blindflug im Umgang mit den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten von Immobilien, die die westliche Welt in die verheerendste Krise seit dem II. Weltkrieg rutschen ließ. Und gleiches geschieht dieser Tage asiatischen Raum erneut.

 

Daraus ergibt sich, dass es derzeit fünf Gruppen am Immobilienmarkt gibt: Nutzer, Eigentümer, Hersteller, Berater – und den haftenden Steuerzahler, vertreten durch seine parlamentarischen Vertreter oder den neuen Typus des Wutbürger-Mobs. Sie alle haben entweder Interesse oder sogar die Notwendigkeit, auf evidenzbasierter Grundlage sichere Prognosen als Voraussetzung für Entscheidungen zu haben. Wenngleich das Interesse an Transparenz für jede Gruppe anders ist, bestehen die Entscheidungsgrundlagen oft noch aus Bauchgefühl und Erinnerungsabgleichungen mit Erfahrungen. Zudem gibt es die aus laufenden Geschäftszahlen und Marktbeobachtungen einzelner Unternehmen entstehende Marktreports ohne wissenschaftlichen Versuchsaufbau.

 

Es zeigt sich bei genauer Betrachtung, dass die wissenschaftsbasierte Grundlagenforschung nur sehr partiell existiert. Daraus folgt, dass es einer business-neutralen, allgemein anerkannten Ausgangsbasis für die gesamte Breite der Immobilienindustrie fehlt. Wer jedoch soll die Kosten für Erkenntnisschaffung tragen, von der der gesamte Markt profitiert und letztlich auch die Volkswirtschaft. Einerseits ist dies gewiss Aufgabe von Bildungspolitik. Allerdings ist hier eine Lobby der Immobilienindustrie auf Landesebene allenfalls in homöopathischen Dosen bemerkbar. Folglich bleibt nur der Weg, dass die Mitglieder ihre Interessenvertretungen in dieser Richtung motivieren und zudem eigene Wissenschaftsförderung gestalten, die so attraktiv ist, dass die Studenten dort hohen Zulauf verursachen und am Ende der Markt den Wissensmarkt regelt.

 

Da es erfreulicherweise immer mehr Immobilienunternehmen gibt, die ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden, sei gewünscht, dass auch Wissenschaftsförderung zum Nutzen der Branche und zur Ausbildung kommender Generationen in diesem Zusammenhang als lohnendes Engagement identifiziert wird.

Mehrwertsteuer: Präzision versus Populismus

Kann Presse populistisch im Wortsinne oder auch im Sprachsinne sein? Kann sie. Beides.

Ein gängiges bon mot behauptet, dass, wer Kompliziertes einfach darstellen könne, Faschist sei. Da Faschistenn in Mitteleurope glücklicherweise beinahe ausgestorben sind,  haben diese Rolle nun die Populisten übernommen. Hier ist jedoch zwischen echten Populisten zu unterscheiden und jene, die Gutmenschen und Medien mit dieser Begrifflichkeit zu diskreditieren versuchen. Denn selbst mancher von diesen “Rechtspopulist” genannte, ist weder rechts, noch populär - aber reißerische Vereinfachungen heben die Auflagen der Medien und stärken die Selbstgerechtheit jener, die vergessen haben, dass die political correktness einst zum Schutz jener erfunden wurde, die keine Stimme hatten, um für sich selbst einzutreten. (Zur Information für die jüngeren Leser: Das war, bevor political correctness Selbstzweck all jener wurde, die durch “verletzt fühlen” einen Blankoscheck für alles im Abo bekamen.)

Ad rem: Der Gesetzgeber in Deutschland wollte - wie in vielen anderen Ländern auch - dass jedermann die Dinge des täglichen Bedarfs möglichst günstig erhält. Und da der Mensch nur ein gewisses Quantum an Grundnahrungsmitteln, Zeitungen und Straßenbahnfahrkarten konsumieren kann, ergibt sich, dass ein Einkommensschwacher einen erheblich höheren Anteil seines Einkommens für Mehrwertsteuer auf diese DInge ausgibt, als ein Einkommensstarker. Daher werden seit jeher diese Dinge des täglichen Bedarfs mit einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz belegt. Mietwohnugnen wurden sogar ganz ohne Mehrwertsteuer zur Vermeitung frei gegeben. Zudem wurde unterstellt, dass Wohlhabende öfters in Restaurants gehen und noch weniger in Supermärkten kaufen. Folglich belasten Mehrwertsteuererhöhungen - wie unlängst von CDU und SPD beschlossen, die Armen sehr viel mehr als die Reichen.

Es ist allgemein bekannt, dass Unternehmen und Bürger einen Teil ihrer Gewinne - also ihres erarbeiteten Geldes - als Steuern für die Belange der Allgemeinheit abführen müssen.

Die Mehrwertsteuer hingegen wird jedoch nicht vom Geld des Bürgers oder Unternehmens bezahlt. Der Konsument zahlt diese Steuer faktisch direkt an den Staat. Da der Aufwand, neben jede Kasse im Land einen Finanzbeamten zu stellen, zu groß wäre, nimmt der Unternehmer die Umsatzsteuer treuhänderisch für den Staat an sich und reicht sie unmittelbar weiter. Somit ist klar, dass dieses Geld zu keinem Zeitpunkt dem Unternehmer gehört. Daher urteilen die Gerichte erheblich strenger bei Umsatzsteuerhinterziehung, als bei “normaler” Steuerhinterziehung.

Draus folgt, dass eine Senkung des Steuersatzes auf Körperschaftsteuer, Einkommenssteuer, Gewerbesteuer, etc. ein Steuergeschenk an den Steuerpflichtigen darstellt, da der Besteuerte ja mehr von seinem Geld behalten kann.

Wenn jedoch der Umsatsteuersatz gesenkt wird, kann kaum von einem Geschenk an den Steuerpflichtigen gesprochen werden, denn die Umsatzsteuer hat ja vorher wie nachher dem Staat gehört.

Nun mag man diskutieren, ob die Übernachtung in einem Hotel zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört. Ebenso mag man diskutieren, ob es gut für Deutschland ist, wenn mehr Menschen sich einen Urlaub im Lande leisten können und nicht in anderen europäischen Ländern Urlaub machen - wo zumeist ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz gilt. Mehr ausländische Feriengäste schaffen Arbeitsplätze und lassen viel Geld im Land, sagen viele. So wäre die Mehrwertsteuersenkung auf Hotelübernachtungen als Anpassung an den europäischen Markt zumindest nachvollziehbar.

Ebenso mag man über die Sinnhaftigkeit der Tatsache streiten, dass Essen im Restaurant bei McDonald’s mit voller Mehrwertsteuer belegt ist (Restaurants sind kein Grundbedürfnis), der gleiche Burger mitgenommen oder am Mc Drive verkauft nur mit einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz belegt ist (Lebensmittelverkauf).

Nicht nachvollziehbar sind jedoch zwei Dinge:

1. Wie kann ein Hotelier ein Geschenk bekommen, wenn das, was er für einen anderen vorübergehend verwahrt (Mehrwertsteuer für den Staat), weniger wird?

2. Warum stürzen sich die Medien auf das Thema “Steuergeschenke für Hoteliers” - lassen jedoch außen vor, dass - wenn es sich wirklich um Steuergeschenke handelte - es die gleichen “Steuergeschenke” für Zeitungsverleger, Nahverkehrsunternehmer und Supermarktbetreiber gäbe. Man stelle sich das einmal vor: Die beiden reichsten Deutschen, die Aldi-Eigner Gebrüder Albrecht sind Milliardäre und erhalten immer noch “Steuergeschenke”, während viele Hartz IV-Empfänger auf seine Playstaion auch noch den vollen Mehrwertsteuersatz zahlen müssen! Wenn also Milliardenkonzerne, wie Aldi, McDonald’s, Lidl & Co. “Steuergeschenke” von den Medien und den Gutmenschen offenbar kommentarlos gegönnt werden, während gleichzeitig eine Hoteliersschelte auf unterstem Niveau stattfindet, wird deutlich, worum es bei dieser gespielten Empörung wirklich geht.

Vieleicht sollten jene, die diese neue Regelung mit dem wohlfeilen Begriff “Steuergeschenke an Hoteliers” als politische Waffe gegen Liberale verwenden, zunächst beachten, dass

a) die Presse überparteilich sein sollte

b) es sich bei einer Mehrwertsteuersenkung qua definitionem nicht um ein Steuergeschenk handeln kann

c) fairerweise in gleicher Weise über Lebensmittelhändler und Verleger berichtet werden müsste

d) viele Zeitungen an Umsatz - und Redakteuren - verlören, wenn der volle Mehrwertsteuersatz, als12% mehr, die Zeitungen so verteuerten, dass viele Leser aus Sparsamkeitsgründen lieber ihr Abo kündigten und stattdessen lieber Urlaub machten - in Hotels mit ermäßigtem Umsatzsteuersatz. Dort gibt es dann zwar auch Zeitungen, in denen ähnlich populistisdhe Thesen verbreitet werden. Aber dafür gibt es diese in Hotels gratis und Urlaube sind tatsächlich populär…

Quo Vadis Germania?




Professor Dr. Wolfgang Wiegard ist Mitglied des Sachverständigenrates der deutschen Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, landläufig „Wirtschaftsweise“ genannt.

 

 

Reitzenstein: Herr Professor Wiegard, wie beurteilen Sie die derzeitige gesamtwirtschaftliche Situation, insbesondere in Hinblick auf die Kreditklemme, die der Wirtschaft nach Meinung vieler droht?

 

Prof. Dr. Wiegard: Die Kreditklemme wird kontrovers diskutiert. Ein Blick in die Kreditvergabestatistik zeigt, dass das Kreditvolumen in Deutschland sich nicht wesentlich verändert hat. Die jüngst veröffentlichte Kredithürdenumfrage des Ifo-Instituts unter 4.000 deutschen Unternehmen zeigt zwar für den Januar 2010 einen leichten Rückgang bei der Beurteilung der Kreditrestriktionen an, befindet sich aber nach wie vor auf hohem Niveau. Letztlich ist das aber auch ein normaler Vorgang. In einer Wirtschaftskrise steigt die Insolvenzgefahr und die Banken müssen sich absichern und lassen angemessene Vorsicht walten. Ich möchte nicht ausschließen, dass die Kreditsituation sich im Verlaufe des Jahres 2010 noch anspannt, aber im Bereich normaler Parameter.

 

Reitzenstein: Was raten Sie dann Unternehmen, die dennoch krisenbedingt erhöhten Kreditbedarf haben?

 

Prof. Dr. Wiegard: Für diese Unternehmen hat die Bundesregierung den Deutschlandfond aufgelegt. Hier stehen den Unternehmen 40 Milliarden Euro eben für diesen Zweck zur Verfügung.

 

Reitzenstein: Diese Mittel werden jedoch von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) nicht unmittelbar vergeben. Viele Unternehmen klagen, dass die Hausbanken den Weg zu den KfW-Mitteln nicht freigeben, weil sie lieber eigen Darlehen ausreichen möchten und somit ihren Kunden für sich behalten möchten. Doch an Unternehmen, die krisenbedingt Geld brauchen, reichen die Hausbanken auch nur zögerlich Kredite aus. War das im Sinne des Erfinders?

 

Prof. Dr. Wiegard: Gewiss nicht. Es ist problematisch, dass die KfW ihre Mittel nicht unmittelbar ausreichen kann. Da die Großbanken und Landesbanken ihr Kreditgeschäft massiv heruntergefahren haben, sind die Sparkassen und Volksbanken oft eine sinnvolle Alternative.

 

Reitzenstein: Welchen Rat geben Sie österreichischem Geld, das sich einen sichereren Anlageort sucht?

 

Prof. Dr. Wiegard: Der deutsche Markt ist stabil. Zwar haben deutsche Banken auch große Summen in CEE verloren, aber im Verhältnis zum Geschäftsvolumen und zur Größe der Volkswirtschaft nicht soviel wie beispielsweise Österreich. Die Renditen sind zwar nicht am oberen Ende, aber dafür stabil und berechenbar. Zudem hat die Bundesregierung mit der Anfang 2008 in Kraft getretenen Unternehmensteuerreform einen attraktiven Investitionsstandort auch für ausländische Unternehmen geschaffen. Anfang 2009 wurde die Abgeltungssteuer eingeführt – so gibt es auch keine Diskriminierung von Kapitalerträgen zwischen Österreich und Deutschland mehr. Kurzum: Deutschland bietet eine stabile wirtschaftliche und gesetzliche Infrastruktur für Investitionen aus dem Ausland.

 

Reitzenstein: Was wird die Zukunft für die Staatsfinanzen bringen?

 

Prof. Dr. Wiegard: Im Jahre 2010 kann noch keine Konsolidierung stattfinden. Jetzt muss zunächst noch der beginnende Aufschwung stabilisiert werden. Hierzu wurde das Wachstumsbeschleunigungsgesetz verabschiedet. Steuerabsenkungen führen zu höherer Staatsverschuldung; diese muss jedoch genau kalkuliert werden und auf ihre Effekte überprüft.

 

Reitzenstein: Wann beginnt der Staat zu sparen?

 

Prof. Dr. Wiegard: Im Jahre 2011 muss eine starke Konsolidierungsphase beginnen. Jedoch muss sich die Bundesregierung den Vorwurf gefallen lassen, dass sie hier bislang weder ein Konzept vorgelegt hat, noch irgendwie definiert hat, an welchen wirtschaftlichen Stellschrauben sie den Bundeshaushalt konsolidieren will.

 

Reitzenstein: Was bedeutet das für die Zinssituation in der Eurozone, insbesondere für die Zinslast der öffentlichen Haushalte?

 

Prof. Dr. Wiegard: Die EZB ist unabhängig. Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass sie ihrem vornehmlichsten Auftrag nachkommt, das Preisniveau stabil zu halten. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass sie über diesen Punkt hinaus auch mittelfristig die Zinsen anhebt, um Druck auf die Mitgliedsstaaten auszuüben, ihre Haushalte rasch zu konsolidieren.

 

Reitzenstein: Herr Professor Wiegard, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Julien Reitzenstein, erschienen in Österreich im Immobilienmagazin

Mr. Bean EU-Präsident?

http://totallylookslike.com/2008/09/28/jose-luis-rodriguez-zapatero-totally-looks-like-mr-bean/

Die Ähnlichkeit zwischen dem spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero und dem Komiker Rowan Atkinson (Mr. Bean) ist verblüffend - besonders, wenn beide grienen.

Gestern hat jemand die Website der spanischen EU-Ratspräsidentschaft geknackt - und das Foto Zapateros gegen das von Atkinson  getauscht.

Der Urheber der Aktion ist bis heute unbekannt. Aber der Ansturm des Publikums ließ die Site gestern zusammenbrechen. Heute ging sie wieder online - ohne Mr. Bean.

LVZ: Alte Strickwarenfabrik zieht Kreative an

Am 29.12.2009 veröffentlichten wir einen Beitrag über die Alte Strickfabrik in Leipzig

Drei Tage später veröffentlichte die Leipziger Volkszeitung hierzu auch einen Artikel:

http://nachrichten.lvz-online.de/leipzig/citynews/alte-strickwarenfabrik-zieht-kreative-an/r-citynews-a-8147.html

Alte Strickwarenfabrik zieht Kreative an

Jens Rometsch

Die Hofansicht der ehemaligen Strickwarenfabrik in der Berliner Straße

Foto: Wolfgang Zeyen Die Hofansicht der ehemaligen Strickwarenfabrik in der Berliner Straße Leipzig. (Rechts im Bild die Ruine auf dem Nachbargrundstück, die nach Auskunft von deren Eigentümer in Bälde an einem langen Wochenende entfernt wird. d.R.)

 

 

Als im April 2009 ein Leipziger Familienunternehmen die alte Strickwarenfabrik in der Berliner Straße 65 erwarb, standen die fünf Geschosse weitgehend leer. “Bekannt war dieses Objekt eigentlich nur noch bei Bahnreisenden”, sagt Anett Micklich von der Pragmatic Equity AG, die die traditionsreiche Immobilie nun entwickelt. “Wer aus Richtung Norden zum Hauptbahnhof hereinfährt, sieht kurz vor der Wittenberger Straße immer diese riesige, traurige Ruine neben unserem Gebäude, die seit dem Einschlag einer Luftmine im Jahr 1944 unverändert so dasteht.”

In der Gründerzeit gehörte das Areal zu einem blühenden Industriegebiet. Als Strickwarenfabrik der Gebrüder Frank wurde zunächst in einer einstöckigen Halle mit Pappdach und Außenabort gearbeitet. Für Letzteres - fünf Toiletten mit Wasserspülung im Hof - mussten die Unternehmer seinerzeit noch ein königlich-sächsisches Privileg beantragen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgte ein dreistöckiges Fabrikgebäude: inklusive eines 2000 Quadratmeter großen Kellerlagers unter dem Hof, von dem noch einige Bereiche erhalten sind. Die Straßenbahngesellschaft baute damals nebenan das Depot an der Wittenberger Straße.

In den 1920er-Jahren kam der bis heute stehende Teil mit fünf Vollgeschossen sowie Dachaufbauten hinzu. Mit Aufkommen der Nazi-Herrschaft wurden die jüdischen Eigentümer jedoch gezwungen, ihr florierendes Unternehmen zu verkaufen.

Etliche Bombentreffer 1943 und 1944 ließen von der Strickwarenfabrik nur noch das heutige Gebäude übrig. Zu DDR-Zeiten zog dort unter anderem der VEB Herrenmoden “Korrekt” ein. Schon 1953 gab es Pläne, die benachbarten Ruinen abzureißen. Doch mal war kein Bagger verfügbar, mal kein Kran. Schließlich gab es nach 36 Jahren Planwirtschaft einen neuen Abrisstermin: für Dezember 1989. Aber nach dem Fall der Mauer hatten die Leute wichtigeres zu tun. Ein Bauträger mit Plänen für eine Einkaufspassage ließ später alle Ruinen - außer dem Flügel an der Berliner Straße - entfernen. 1999 ging ihm die Puste aus, das Gebäude geriet in Zwangsverwaltung. Danach blieben nur wenige gute Mieter, die Immobilie verfiel immer mehr.

Die Pragmatic Equity AG hat nun erst mal aufgeräumt und den intakten Teil der Fabrik komplett renoviert, auch die helle Klinkerfassade herausgeputzt. “Wir errichten hier ein Zentrum für die Kreativwirtschaft, Start-up-Firmen, junge Autoren, Werber, Trainer, Verlage”, erläutert Micklich. So soll noch diesen Monat eine Schlagzeug-Fabrikation einziehen: der junge Instrumentenbauer wurde durch eine Kooperation mit dem Start-up-Programm Sept der Universität Leipzig vermittelt. Im ehemaligen Privatkontor der Gebrüder Frank zog gerade ein Pressebüro ein. “Im Sommer reißen wir den ruinierten Flügel nebenan weg und gestalten den Hof zur Grünanlage um”, so Micklich. “Dann finden die Kreativen bei uns nicht nur einen schönen Ausblick vom Schönefelder Schloss bis zum Völkerschlachtdenkmal, sondern auch eine grüne Oase unweit vom Hauptbahnhof.”

 

Recht haben und Recht bekommen - Teil I

Wohnen ohne zu zahlen

Der jährliche Mietausfall in Deutschland beziffert sich auf mehr als 2,2 Milliarden Euro. 200 Millionen davon gehen auf das Konto von Mietnomaden: Mieter, die schon mit der Absicht einziehen, niemals Geld an den Wohnungsbesitzer zu überweisen.

Vor Vertragsabschluss geben sie sich meist weltgewandt und täuschen einen gehobenen Lebensstil vor. Doch sind sie erst einmal eingezogen, folgt das böse Erwachen. Der Vermieter sieht von ihnen keinen Cent und meistens hinterlassen sie das pure Chaos. Wenn sie jedes juristische Schlupfloch nutzen, kann es zwei Jahre dauern, bis die Vermieter endlich eine Räumungsklage haben.

Als sich Dennis Peters aus Bleckede bei Lüneburg im Mai 2007 ein Doppelhaus für nur 142.000 Euro ersteigert, kann er sein Glück kaum fassen. Doch schnell entpuppt sich das Schnäppchen als Albtraum, denn der Mieter ist ein aggressiver Mietnomade und zu allem Überfluss auch noch Chef einer Truppe, die sich auf Einmietbetrug spezialisiert hat. Er bedroht, beschimpft und beleidigt Peters und seine Familie: “Ich mach dich finanziell und psychisch fertig!”, soll er damals gesagt haben. Kaum hat Peters einen Räumungstitel gegen den verhassten Mieter, meldet sich der nächste an, gegen den erneut geklagt werden muss. 15 Monate und 24 Neuanmeldungen später ist der Hausbesitzer am Ende seiner Kräfte. Auf mehr als 42.000 Euro beziffert sich der Schaden inzwischen. Bis endlich der Beschluss ergeht, dass die gegnerische Partei das Haus widerrechtlich in Anspruch genommen hat: Hausfriedensbruch. Endlich darf die Polizei einschreiten und räumen.

Auch das Rentnerehepaar Fischer aus Erftstadt ist Opfer eines Mietnomaden geworden: Vor zwei Jahren fuhr er mit einem teuren BMW vor, behauptete, ein reicher Erbe zu sein, und erschlich sich so das Vertrauen der gutgläubigen Vermieter. Doch schnell stellte sich heraus, dass der Mann Hartz-IV-Empfänger und hoch verschuldet ist. Mehr als 30.000 Euro Mietschulden hat er mittlerweile. Ans Ausziehen denkt er noch lange nicht, denn er sieht sich selbst als Opfer. Mit selbstgemalten Plakaten ging er vor dem Haus seiner Vermieter in Stellung, um gegen vermeintliche Richter- und Vermieterwillkür zu protestieren.

Gefunden auf Spiegel.de

http://www.spiegel.de/sptv/special/0,1518,613104,00.html

Neues Leben in der Alten Strickfabrik in Leipzig

Am Ende des 19. Jahrhunderts, in der Gründerzeit, war das Karree in Leipzig zwischen Berliner Straße, Wittenberger Straße, Bitterfelder Straße und Apelstraße ein erschlossenes, aber unbebautes Grundstück. Es war das am nächsten zu Stadt und Bahnhof gelegene Karree eines großen neuen Viertels der Stadt.

Bald sollte in diesem Teil von Leipzig das Goldene Zeitalter sächsicher Industriekultur beginnen. Auch auf dem Karree am Beginn der Berliner Straße nahm der Aufschwung seinen Lauf: Die Gebrüder Frank Strickwarenfabrik wurde gegründet und produzierte in einem einstöckigen Gebäude. Bald darauf begann die Leipziger Straßenbahngesellschaft auf dem Nachbargrundstück auf der Ecke Apelstraße / Berliner Straße unter freiem Himmel Schienen zu lagern.

Die Belegschaft der Gebrüder Frank wuchs. So wurde vor der Fabrik mit königlich-sächsischem Privileg ein Hofabort mit fünf WC gebaut. Das war nicht nur hoch modern, sondern schuf jene Hauptabwasserleitung, die auch heute noch in Betrieb ist.

Die Nachfrage wuchs und schon bald konnten neben der Fabrik ein Dampfmaschinenhaus und ein Akkumulatorenhaus errichtet werden, deren Rückwände heute noch erkennbar sind.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand gegenüber der Fabrik ein zweites Fabrikgebäude. Es war dreistöckig und zog sich von der hinteren Grundstücksgrenze bis vor zur Berliner Straße. Darunter zog sich bis weit unter den Hof ein Hofkeller als Lager auf mehr als 2.000qm, der teilweise noch erhalten ist.

Die Straßenbahngesellschaft baute auf dem Nachbargrundstück eine Wagenhalle. Auf dem Grundstück auf der anderen Seite, an der Wittenberger Straße entstand eine Arzneifabrik.

Nachdem 1923 die Hyperinflation überstanden war, entwickelte sich auch die Strickfabrik weiter. Der straßenseitige Teil wurde auf fünf Stockwerke plus zwei Dachböden aufgestockt. Hier entstand in den neuen Stockwerken eine Krankenstation und eine Kantine.

Nebenan enstand ein Neubau. Dieser hatte fünf Vollgeschosse und eineinhalb Dachgeschosse. Dies ist das heute noch stehende Gebäue der Alten Strickfabrik.

So war beinahe der ganze Hof bebaut und die Fabrik florierte.

Dann jedoch ernannte 1933 der Reichspräsident v. Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Dieser ließ die Länder gleichschalten. Der NSDAP Gauleiter von Sachsen, Martin Mutschmann, wurde Reichsstatthalter in Sachsen. Dieser betrieb seit 1907 in Plauen eine Spitzenfabrik, zu der später mehrere andere Textilfabriken kamen. Seit 1930 gab er schon die Parteizeitung “Der Freiheitskampf” heraus, worin immer wieder die Enteignung von Industriellen jüdischen Glaubens gefordert wurde.

Die jüdischen Eigentümer wurden bald gezwungen, die Fabrik an einen Parteigenossen zu verkaufen.

Doch schon ab 1943 erhielt das Gebäude mehrere Bombentreffer. Noch heute ist der fünfstöckige Erweiterungsbau an der Berliner Straße ein Mahnmal gegen den Bombenkrieg. Hier stehen seit dem Einschlag einer Luftmine Ende 1944 nur noch die Fassade und die Seitenwände. Die Trümmer der Restgebäude sollen viele der Arbeiterinnen erschlagen haben.

Nach dem Kriege gab die DDR den jüdischen Eigentümern ihren Besitz nicht frei. Zwar waren die in den USA lebenden Erben formal Eigentümer. Aber die wurden gezwungen, für so niedrige Mieten an die dort einquartierten Volkseigenen Betriebe, wie das VEB Herrenmoden Korrekt zu vermieten, dass deren deutscher Anwalt bei der Bezirksleitung schon in den 70er Jahren beklagte, die Mieten betrügen nicht einmal die Hälfte der Unterhaltungskosten.

Das Gelände verfiel immer mehr. Seit 1953 gab es zudem immer wieder Versuche, die Ruine an der Berliner Straße abzureißen. Doch mal war kein Bagger verfügbar, mal kein Kran, dann fehlten wieder andere Dinge.

Schließlich gab es nach 36 Jahren Planung einen Abrisstermin - im Dezember 1989.

Nachdem die Mauer gefallen war, fühlte sich zunächst niemand zuständig. 1993 kaufte ein Bauträger das Areal und alle Ruinen wurden abgerissen, bis auf jene an der Berliner Straße.

Während die intakte Strickfabrik zu einem modernen Bürohaus umgebaut wurde, sollte auf deren Dach ein Penthouse entstehen und in der Ruine ein Studentenheim, zudem auf dem Hof eine Einkaufspassage.

Doch schon 1999 ging es dem Eigentümerunternehmen nicht mehr so gut - die Liegenschaft kam in die Zwangsverwalter.

Viele seriöse Mieter zogen aus, viele zweifelhafte zogen ein. Zahlreiche illegale Mieter, die immer neue Räume aufbrachen und besetzten, andere mit Ein-Euro-Mietverträgen, die ihre Miete nicht zahlten - das Gebäude verfiel zusehends.

                                                                Die Alte Strickfabrik heute

Dann kaufte im April 2009 ein Familienunternehmen aus Leipzig das Areal. Dieses setzt seitdem konsequent die Linie seiner Eigentümer um: Restauration und Reinvestition vor Rendite.

Die Liegenschaft wurde seit dem Erwerb einmal komplett durchsaniert, nun entsteht hier ein Zentrum für die Kreativwirtschaft. Junge start-ups, Autoren, Werber, Personal Trainer, Verlage, Instrumentenbauer und viele mehr ziehen nach und nach ein und beleben die Alte Strickfabrik.

Dabei handelt es sich ebenso um etablierte Unternehmen, wie auch um start-ups von SEPT, einem Projekt der Universität Leipzig. Im ehemaligen Privatkontor der Strickwarenfabrik Gebrüder Frank sitzt nun ein Pressebüro mit seiner Leipziger Niederlassung. Der dort beschäftigte Autor ist Historiker und erhielt von den Eigentümern den Auftrag, die Geschichte der Strickfabrik zu rekonstruieren und ab Ende 2010 eine Ausstellung im Foyer des Kontors daraus zu entwickeln.

Im Sommer 2010 soll endgültig die Ruine neben der Strickfabrik abgerissen werden. Schon jetzt gibt es eine attraktive gartenarchitektonische Planung für die Neugestaltung des Hofes. Hier soll nicht nur hinreichend Parkfläche vorhanden sein, sondern auch eine grüne Oase in der Nähe des Hauptbahnhofes. Damit die Kreativen in der Kreativwirtschaft auch viel Raum für kreative Pausen haben.

Die Alte Strickfabrik lebt wieder!

 

Julien Reitzenstein    Wilhelm von Reitzenstein

 

Die Jagd nach Eleganz


Freunden des gepflegten Landlebens ist schon seit langem klar, dass es ebenso unpassend sein kann, im Maßanzug einen Waldspaziergang zu machen, wie in Jeans und Polohemd auf der Veranda Geschäftsfreunde zur Besprechung zu empfangen. Daher hat sich hier eine Mode durchgesetzt, die nicht nur elegant, sondern gleichzeitig leger ist. Diesen ländlichen Stil konnte man schon im letzten Jahr sehr vereinzelt auf der Expo-Real sehen. Ein wenig mag er an Tracht erinnern, ein wenig an Jagd – doch in einigen Soziotopen ist er längst Trend. Kariertes Hemd, gern auch mit Manschettenknöpfen, Cordhose und Janker oder Lodenjacke ist hier kein Hingucker.  

Oft jedoch fehlte es für die Begleiterin an tragbaren Gegenstücken, wollte sie kein Dirndl anziehen. Hier hat das Label T.E.D. eine Nische besetzt.  T.E.D. Couture ist der jüngste Spross des Gutes Grambow bei Schwerin in Mecklenburg. Das große Anwesen mit Land- und Forstwirtschaft bietet mehr als Kühe, Pferde, Felder und Wälder. In seinen Ferienapartments finden gestresste Großstädter aus dem nahen Hamburg oder Berlin Ruhe. Viele Feriengäste verlieben sich dabei in den „Grambow-Saloon“. Der Geheimtipp unter den Veranstaltungslocations ist aufgrund der nahen Wege zu den Metropolen ebenso gern gebucht, wie aufgrund der zahlreichen Übernachtungsmöglichkeiten vor Ort – vom Sternehotel bis zur Schlosssuite.  

Vor allem aber befindet sich auf Gut Grambow Deutschlands bekannteste Jagdschule. Ob Hochadel oder Topmanager, ob Jugendliche oder Berufsjäger – die trotz sehr hoher gesetzlicher Anforderungen bemerkenswert niedrige Durchfallerquote hat Grambow große Erfolge beschert. Zudem sei das Alumni-Netzwerk der ehemaligen Schüler oft effektiver als viele Online-Business-Netzwerke, sagt Martin Lösch, Herr auf Grambow.  Doch gerade die Verschiedenartigkeit der Mitglieder dieses Netzwerks und ihrem unterschiedlichem Anspruch an Kleidung hat einen Kreativprozess in Gang gesetzt. Die Berufsjäger, die durch Dornenbüsche laufen, benötigen robuste Kleidung. Die Jagdschüler und –schülerinnen – bis 30% der Absolventen sind weiblich – brauchen warme und funktionale Kleidung für die ersten Schritte in der Natur. Die Feriengäste, die auch einmal Geschäftsbesuch empfangen, möchten elegant und dennoch ländlich gekleidet sein.  Dem begegnete der Martin Lösch mit der Gründung des Modelabels T.E.D. Couture. Designer Miro Craemer erklärt den Erfolg so: „Designer arbeiteten Hand in Hand mit Berufsjägern – eine wohl einmalige Kooperation in der Textilwelt. Denn das Ergebnis ist eine funktionale und zugleich stilsichere Kleidung, die sich mit ihren unterschiedlichen Kollektionen sowohl im ländlichen Alltag beweist als auch beim großen gesellschaftlichen Auftritt. T.E.D. verbindet Tradition mit Innovation, mischt Klassik mit frechen Details auf.“  Doch wer nun Gummistiefel und Regenjacke für kernige Naturburschen erwartet, liegt falsch. Die 32-teilige Kollektion umfasst zu mehr als der Hälfte Damenmode. Diese war auch einer der Mittelpunkte der Standparty des Immobilienmanagers auf der ExpoReal. Die zahlreichen Gäste erfreuten sich an den von Models vorgestellten Modellen und zwei Gäste gewannen bei der Verlosung ein Outfit im Wert von je EUR 1.500,00 In der Linie „Spices of Marrakesh“ umfasst eine Frühjahr/Sommer- und eine Herbst/Winter-Linie. Beide Linien kennzeichnet ein edles Materialkonzept – Leinen und gebürstete Baumwolle im einen Fall, Kashmere und Schurwolle und feines Ziegenleder im anderen. Miro Craemer: „Inspiriert durch die geheimnisvoll-sinnliche Welt Arabiens und die endlose Weite der Sahara sind es vor allem Sandtöne, auf denen die Farbpalette von „Spices of Marrakesh“ basiert.“ 

Aber auch die funktionellen Modelle für die Jagd und den harten Einsatz in der Natur, wie  Shooting Jackets aus schottischem Estate-Tweed, Steppjacken oder die Loden-Serie „Viktoria“ für Damen verarbeiten einerseits feinste Stoffe und sorgen für Eleganz. Andererseits sorgen funktionelle Futter- und Isoliermaterialien dafür, sich sehr lautlos durch die Natur bewegen zu können.  Doch Qualität hat ihren Preis. Das mag nicht nur in den vergleichsweise hochpreisigen Materialien begründet liegen, sondern auch in der Tatsache, dass alle Stücke in Deutschland produziert werden. „Gerade in besonders hochwertigen Geschäften, wie bei Frau von Schöning auf Sylt, Ladage&Oelkein Hamburg oder Springers Erben in Wien schätzen unsere Kunden unsere Produktionsphilosopie“, erklärt Lösch.   Das erfolgreichste Modell des Labels ist die Herren-Tweed-Jacke. Miro Craemer: „Teflon-Beschichtung, schottischer Estate Tweed und unzählige Funktionen machen die Jacke sowohl zum Anzug tragbar, als auch bei der Jagd oder dem Waldspaziergang.“  

Alles in allem wirkt die Mode von T.E.D. sowohl lässig, als auch hochwertig. Vielleicht die richtige Mischung in der derzeitigen Situation am Immobilienmarkt. Darum wird auf dem Deutschen Immobilienball die Kollektion im Rahmen einer Modenschau vorgestellt und das Team von T.E.D. und der Jagdschule Gut Grambow steht für Fragen bereit.

 

Erschienen im Immobilien Manager Magazin 

 

 

 

 

Julien Reitzenstein    Wilhelm von Reitzenstein

 

 

Nachtrag zur Schweiz:

AM 25.05.2010 schrieb SPIEGEL ONLINE über ein Detail, wie im vorstehenden Bericht:

Eingebürgerter Türke verliert wegen Polygamie Schweizer Nationalität

 

Wegen fortgesetzter Polygamie mit einer Schweizerin und einer Türkin soll ein Mann die Schweizer Nationalität verlieren. (mehr…)

Dürfen Banken Geld verdienen?

Dürfen Banken Geld verdienen?  

Eine Polemik von Julien Reitzenstein 

 

Früher waren die Rollen bei den Meinungsmacher klar verteilt: CDU, Doppelhaushälften und Bankiers sind seriös. Sozialismus, Kriminelle und Rock’n’Roll sind unseriös. Das war früher. Das viel verhöhnte Unterschichtenfernsehen war auch mal unseriös. Doch heute schafft es in Verbindung mit dem Internet und der Globalisierung etwas, was weder Faschisten noch Kommunisten einschließlich zugehöriger Geheimpolizeien vermochten – zu bestimmen, was Trend ist. So kann jeder einfach im Trend liegen – aber auch untergehen, wenn sich ein Trend radikal und rasch wandelt.  

Doch von vorn: Die 50er Jahre waren bestimmt von Wiederaufbau, Traumabewältigung und Konsumsehnsucht. Die 60er Jahre brachten Konsum als Erfolgs- und Seriositätsausweis und eine Werteverhärtung auf die konservative Weltsicht. Hier hatten Bankiers ein beinahe ebenso hohes Sozialprestige wie Beamte oder Professoren. Beginnend mit letzteren explodierte das Wertesystem am Ende jener Dekade. Damit entwickelten sich auch Trends und deren Bewertung in unterschiedliche Richtungen. Splittersoziotope sind beinhalten nur selten mehrheitsfähiges – mit einer Ausnahme: Konsum über die Sättigung hinaus.  

Das führte zum zweiten politischen Sündenfall des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die Politik erkannte mit volkswirtschaftlich-tödlicher Genauigkeit den Vorteil der politischen Etablierung der sieben Todsünden in weiten Bevölkerungskreisen. ·        Hochmut ·        Habgier·        Genusssucht ·        Zorn ·        Maßlosigkeit·        Missgunst ·        Trägheit Der semantischen Präzisionswillen sei angemerkt, was katholische Hirten jahrhundertelang nicht diskutierten: Die Todsünden sind gar keine Sünden, vulgo Handlungen, sie sind Charaktereigenschaften sehr negativer Art.  

Nun hat die Politik erkannt, dass der Einzelne mit Diebesgut Annehmlichkeiten erzielen kann. So wurde durch die exzessive Aufnahme von Staatsschulden Geld von Menschen gestohlen, die noch gar nicht geboren waren. Bei der strafrechtlichen Bewertung von Sachverhalten kommt es jedoch darauf an, ob die Handelnden einen eigenen Tatvorsatz hatten oder gar im guten Glauben waren. Sie waren es nicht. Und sie hatten einen Tatvorsatz. Denn das so erlangte Geld wurde mitnichten in Infrastruktur investiert, die den Bestohlenen noch zum Vorteil gereicht hätte. Es wurde massiv für eine Erhöhung der Sozialleistungen ausgegeben. Die Etablierung eines zweiten Fernsehprogrammes, des Farbfernsehens, der Attraktivierung der sozialen Hängematte, die Aufblähung des Staatssektors – all das führte zu zwei Annehmlichkeiten für die Handelnden. Einerseits wurden sie wiedergewählt – die fütternde Hand wird selten gebissen. Andererseits stand zwischen den Handelnden und den Kritikern plötzlich eine schweigende, satte Masse.  

Es gab wenige, die umsteuern wollten. Menschen wie Ulrike Meinhof zerbrachen und wurden schwerkriminell. Andere gründeten die Grünen – bis heute kein Hort von Konsum und Kapitalismus. Wieder andere warteten auf die 80er.  

In den 80ern, selten so fein überzeichnet wie in „American Psycho“, brachte nicht nur die Revolution in die Betriebsabläufe der Banken durch globale Kommunikationsnetzwerke und elektronischen Börsenhandel. Sie ermöglichte einen Paradigmenwechsel im Bankgewerbe.  

Über Jahrhunderte liehen Banken ihnen bekannten Kunden - deren Geschäft sie überblickten und verstanden - Geld, um dieses nach erfolgreicher Transaktion mit Aufschlag zurück zu erhalten. Dieser Aufschlag bestand aus Risikoabsicherung und Gewinn.  

Zwar gab es gegen letzteren immer wieder Bedenken, doch zumeist aus den Reihen der Wertevermittler, den Kirchen. Diese geißelten das Gewinnen von Erträgen, ohne dafür zu arbeiten. Auch dies beeinflusste die Definition der Todsünden.Die theologische Begründung soll Thema eines anderen Beitrages sein. Bis heute hat sich dieser Vorbehalt gegen Erträge ohne Arbeit auch im Islam gehalten, dennoch verdienen muslimische Investoren mit schariakonformen Anlagen heute oft gutes Geld.  

Es wäre noch vor einhundert Jahren undenkbar gewesen, dass eine Bank aufhört, Metallhändler als Kunden zu akzeptieren, selbst Kupfer oder Salpeter in Südamerika kauft und dieses dann selbst in Deutschland anzubieten. Eine Verbriefung, Warentermingeschäfte oder Derivate wären wohl ein Ausweis mangelnder Seriosität gewesen. Das war vor noch 40 Jahren nicht viel anders.  

An dieser Stelle lohnt sich der Hinweis, dass das Bankgewerbe ein Gewerbe ist. Und dieses unterliegt der Gewerbeordnung. Ebenso bemerkenswert ist, dass seit Jahrhunderten kein Zimmermann Dachziegel erneuern darf – das behält die Gewerbeordnung dem Dachdecker vor.  

Doch die digitale Revolution und die daraus erwachsenden Ertragsmöglichkeiten für Banken waren schneller als die Autoren der Gewerbeordnung. Eigenhandel war plötzlich ebenso ein Thema wie M&A. Erstaunlicherweise griff der Staat nicht ein und passte die Gewerbeordnung den Verhältnissen des globalen Marktes und seiner Risiken an.  

Der Staat handelte erst 2008 regulierend. Aber da war es schon zu spät.  

Die Erklärung ist einfach. Es liegt in der Natur des Booms, dass auch Banken Gewinne erzielen. Je mehr ertragreiche Geschäftsfelder, desto besser für die Eigentümer. Nun war der Eigentümer von Banken immer öfter der Staat. Landesbanken und Sparkassen warfen gute Gewinne ab und im Zuge des Gleichbehandlungsgrundsatzes wurden auch deren privaten Wettbewerbern keine Zügel angelegt.  

Jedoch fand nie eine öffentliche Debatte über die ordnungspolitische Aufgabe von Banken statt. Im Wirtschaftssystem der Neuzeit hatten Banken über Jahrhunderte einen Hauptgeschäftszweck: Einlagen annehmen und Kredite ausreichen. Auf dieses Geschäftsmodell wurden auch Gewerbeordnungen und Gesetzeslogiken, ja ganze Wirtschaftspolitikvisionen abgestimmt. Vor allem jedoch die gesetzlichen Vorgaben in Bezug auf Eigenkapitalquoten und Risikovorsorge. Die daneben existierenden Spezialbanken wie Bausparkassen oder Investmentbanken erhielten eigene, ihrem Spezialgeschäfsmodell angepasste Regeln.  

Doch dann begann erst schleichend, dann ab den späten 80er Jahren exzessiv, dass jede Bank versuchte, bei den lukrativen Geschäften mitzumischen und über die sichere, aber niedrige Rendite ihres Kernmarktes hinauszukommen. Die Einlagen wurden weiter niedrig verzinst angenommen aber immer weniger in den Wirtschaftskreislauf eingespeist. Stattdessen wurde er in Eigengeschäfte investiert, die oft auch nicht jeder verstand, der für sie verantwortlich zeichnet. Und hier geschah der Sündenfall – nicht nur Geschäftsmodelle wurden von Investmentbanken übernommen, sondern auch Vergütungsmodelle. So erhielt plötzlich ein Abteilungsleiter einer kleinen Bank aus Deutschland mehr Einkommen als der Bundespräsident – als Belohnung dafür, dass er Risiken einging. So lange alle Geld verdienten, die Mitarbeiter, die Aktionäre und dadurch auch der Fiskus, wurden Zweifel am System mit den aus diesem Gewinn folgenden Konsummöglichkeiten für alle erdrückt.  

Als es nicht mehr so gut lief, nachdem die weltweiten Kapitalmarktumsätze drei Mal so hoch waren, wie die der Realwirtschaft; als sichtbar für jeden Experten Blasen ungekannten Ausmaßes sich bildeten – da war der Crash zwangsläufig. Die Staatskassen mussten einspringen, um die Weltwirtschaft zu stabilisieren.  

Sie haben jedoch eines nicht bedacht: Toleranz ist keine kluge Reaktion auf eine Kultur, die selbst keine Toleranz kennt, stellte Spiegel-Kolumnist Henryk Broder in seinem Bestseller „Hurra – wir kapitulieren“ fest. Ebenso wenig klug ist es, Solidarität mit einer Branche zu üben, die keine solche kennt.  

Die Banken haben nun gelernt: Wenn alles gut läuft, nehmen sie die Gelder der Anleger und reichen immer weniger Kredite aus. Wenn das die Wirtschaft stört, kümmert sich hier der Steuerzahler um Lösungen. Die Renditen aus den Geschäften mit den Ein- und Anlagen dieser Steuerzahler müssen auch nur zum Teil an deren Eigentümer gehen – niemand kann etwas tun, wenn einzelne sich überproportional an diesen Gewinnen bedienen und Stundenlöhne von EUR 10.000,00 und mehr normal finden. Wenn die riskanten Geschäfte jedoch zum Crash führen, springt wieder der Steuerzahler ein, rettet alle und danach kommt dann das Paradies: Die Banken leihen sich heute beinahe kostenfrei vom Steuerzahler Geld und machen damit fette Gewinne.  

Nun gibt es Menschen, die jeden Banker (merke: Bankier ist offenbar nicht nur semantisch eine aussterbende Art) für einen Gauner halten. Das Sozialprestige von Bankern ist noch rascher gesunken, als das von Politikern und Kürschnern. Daraus resultieren recht unsinnige Forderungen: So soll der Staat Managergehälter begrenzen. Damit würde keines der vorgenannten Probleme gelöst. Allerdings würde der Sozialismus durch schleichende Enteignung einziehen. Wenn der Eigentümer eines Unternehmens nicht frei entscheiden darf, wie viel er seinen leitenden Angestellten bezahlt, ist ihm ein wichtiges Wettbewerbskritierium genommen worden. Die sinnvollere Variante, verbindliche Regelungen für die Aufsichtsräte, deren Hintergründe und Entscheidungswege, vor allem deren Justiziabilität, wird hingegen kaum diskutiert.  

Das führt zu einem simplen Schluss: Der Staat ist in der Geiselhaft der Finanzindustrie. Dies hat nicht nur mit den vorgenannten Mechanismen und Lerneffekten zu tun. Wer heute gutes Geld verdienen will, geht eher in die Finanzwirtschaft, als in die Politik. 

Was geschieht, wenn der Staat die Bezahlung von Menschen nicht mehr an Qualifikation, Leistung oder Erfahrung festmacht, sondern an Gleichmacherei, sieht man in den Parlamenten. Für viele Bundestagsabgeordnete sind rund EUR 8.000,00 im Monat ein sozialer Aufstieg. Diäten als Entschädigung für ein entgeltfreies Ehrenamt zu verstehen gelingt heute ohnehin nur noch Staatstheorieidealisten. Gut verdienende Fachleute kämen kaum auf die Idee, für den Bundestag zu kandidieren.  

Und jene für ein Mandat qualifizierten, die aus reinem Idealismus eine deutliche Gehaltsreduktion hinnehmen würden, werden oft in den Mühlen der Parteien zermürbt, bevor sie nach Jahren auf einen Listenplatz hoffen dürfen.  

Dabei wären es solche Kandidaten, die aus ihrer Lebens- und Berufserfahrung heraus Verantwortung für die Staatsführung entwickeln sollten und die zudem mit der Mentalität der Welt außerhalb der Politik vertraut sind. Vor allem wären sie möglicherweise unbeeindruckter von Wirtschaftskommunikation: Erst drängte Josef Ackermann auf einen Schutzschirm des Staates für die Banken, um einen Kollaps zu verhindern, der auch die Deutsche Bank getroffen hätte. Dann erklärt er öffentlich, er würde sich schämen, wenn die Deutsche Bank Staatsgeld annehmen würde, um kurz darauf mehr Staatsgeld für Banken zu fordern. Hier geht es dann nicht mehr um Differenzierungen, hier geht es um Staatsverständnis.  

Das führt zu einer Reihe von Prämissen, bis die Politik sich aus den Fängen der Wirtschaft, insbesondere der Finanzwirtschaft befreien kann:  

Es sollten Vorwahlen abgehalten werden, damit nicht die Parteien die Kandidaten bestimmen, sondern die Bürger. Die Bürger sollten alle Abgeordneten wählen, um nicht den Parteien zu viel Macht über Listenplätze einzuräumen. Die Vorzüge der Verhältniswahl in Kombination mit dem Vertretungsrecht auch kleiner Parteien sollte erarbeitet werden. Die Legislaturperioden sollten verlängert werden. Die Anzahl der Bundesländer sollte deutlich reduziert werden bei gleichzeitiger klarer Föderalismusreform: Steuern stehen entweder Bund oder Ländern zu, Bundesgesetze sind nur in Ausnahmefällen bundesratspflichtig. Abgeordnete sollten maximal zwei Legislaturperioden hintereinander wählbar sein. Sie sollten Diäten in Höhe ihres Durchschnittsverdienstes der letzten drei Jahre vor der Wahl erhalten, mindestens jedoch in Höhe von Besoldungsgruppe A 14. So können auch Arbeitslose angemessen alimentierte Abgeordnete sein. Wenn jedoch die Expertise eines Spezialisten dem Markt EUR 300.000,00 im Jahr wert ist, warum sollte sie dem Steuerzahler weniger wert sein? 

Die Frage die bleibt, ist jene nach der Reformfähigkeit eines Staatssystems, dessen Souverän den Konsum liebt, aber nicht seinen Staat.  

Hierzu stellte schon Alexis de Toqueville fest, dass die Aussicht auf gravierende Veränderungen sehr gering ist, wenn große Teile der Bevölkerung vermuten können, dass sie bei diesen Veränderungen etwas verlieren könnten und nur wenig gewinnen.  

An dieser Stelle sei der Hinweis gegeben, dass bald etwa die Hälfte aller Wähler derzeit Empfänger der Transferleistungen Rente, Sozialhilfe und Arbeitslosengeld sind – eine Regierung, die etwas objektiv-sinnvolles tun möchte, muss mit Konsequenzen rechnen, wenn diese Mehrheit der Wähler Einbußen gegenwärtigen müssten.  

Dabei hat jedoch niemand in der ersten Reihe der Politik den Mut auszusprechen, dass es dieser Hälfte der Wähler erheblich besser geht, als ihren Pendants in 95% aller anderen Länder dieser Erde.  

Dass die Diskussion an diesem Punkt nichts mehr mit sozialem Zusammenhalt zu tun hat, sondern weitgehend mit Konsum wird an einem einfachen Punkt sichtbar: Von den Gewerkschaften über die Sozialverbände bis quer durch das politische Spektrum: Wie sozial der Staat ist, wird in der öffentlichen Debatte nur noch an der Höhe der Sozialleistungen gemessen. Und das ist unsozial.  

Wenn nun den Beziehern solcher Sozialleistungen von Politik, Gewerkschaften und Medien eingeredet wird, es sei unzumutbar wenig, was sie erhielten, sie sollten mehr fordern, so schafft dies keine Abhilfe realer Probleme, jedoch reale Unzufriedenheit. Und hierbei wird übersehen, dass in kaum einem Land dieser Erde, die noch nicht geborenen Generationen mit einer so hohen Pro-Kopf-Verschuldung auf die Welt kommen, wie in Deutschland. Doch diese zukünftigen Menschen wählen keinen der heutigen Politiker und sind auch noch keine Zielgruppe der Konsumgüterindustrie, die heute die Medien mittels Anzeigen über Wasser hält. Das ist auch unsozial.  

Wenn sich nun viele Banken mittels Staatshilfe sanieren, stellt sich folgende Betrachtung dar: Die meisten Hilfen und Zinskosten für Darlehen, die zu Gunsten von Banken vom Steuerzahler aufgebracht werden, könnten auch zur Schuldentilgung verwendet werden, um zukünftige Generationen zu entlasten. Aber sie werden verwendet, um für die Fehler von Bankern zu bezahlen, die nun wieder beginnen Geld zu verdienen.  

Das Muster ist immer gleich: Stillschweigende Zustimmung zu Staatsschulden durch die Wählermehrheit auf Kosten kommender Generationen gegen Konsumversprechen.  

Dabei wurde im Club of Rome schon vor vierzig Jahren vorgestellt, dass das Wachstum Grenzen hat. Heute hat jeder Haushalt einen Kühlschrank, ein Fernsehgerät und zumeist ein Auto und mehrere Telefone. Diese Geräte werden immer besser und langlebiger. Es ist psychologischen Faktoren geschuldet, wenn funktionsfähige Geräte verschrottet werden, um neue Geräte zu kaufen, die vielleicht technisch ein wenig verbessert wurden, jedoch den Besitzer sichtbar in die Position versetzen, dass er seine Konsumfähigkeit demonstrieren kann – sich und anderen.  

Seit Napoleons innovativ-asymetrischer Angriffstechnik ist bekannt, dass es sinnvoll ist, Widerstände erst in kleine Gruppen zu zerschlagen und diese dann separat zu behandeln. Die Inkorporation dieser Maßnahmen in die Politik Anfang der 70er Jahre ist eine der Hauptursachen der gesellschaftlichen Verschiebung.  

Waren zu Anfang des 20. Jahrhunderts Gewerkschaftsführer ebenso Reichstagsabgeordnete, wie Industrielle und berühmte Ärzte – alle unbezahlt – weil sie das Volk vertreten wollten, so vertreten heute nicht repräsentative Repräsentanten das Volk, die Industrie verdient Geld und die Gewerkschafter vertreten in ihren Auftritten mehr die Arbeitslosen, als die Arbeiter. Heute treten (ausweislich des dieswöchigen Platz 1 der Spiegel Sachbuchbestsellerliste) “Wirtschaftskriminelle und Verwirrte in der Tagesschau auf” und konstruktive Idealisten werden von Parteiapparaten zermürbt.  

Ist das alles schlimm? 

Ja und nein. Ja, man muss die Verhältnisse baldigst ändern. Weiteres Zuwarten wäre Verbrechen an den kommenden Generationen und an unserem Land.  

Nein, keine Position ist schlimm im engeren Sinne, wenn der Betroffene seine Position kennt und sich mit ihr auseinandersetzt. Kommunikation, Diskurs, Überzeugungsversuche rechtfertigten viele Positionen, die vielleicht nicht mehrheitsfähig sind.  

Jedoch wird es schwierig, wenn der Inhaber einer Position sich jeglicher Diskussion verschließt und auf abweichende Meinungen mit Sanktionen reagiert. Doch hier ist nicht die Rede von Verhältnissen in Militärdiktaturen oder der DDR, in der die Partei immer Recht hatte.  

Wenn heute eine Bank eine Abendveranstaltung finanziell unterstützt, da sie sich in der Sonne ihrer Geberlaune bräunen will, ist das gewiss legitim, wenn die Grenzen des guten Geschmacks in wirtschaftlichen Notzeiten nicht überschritten werden.  

Wenn dann der Veranstalter einen ehemaligen Politiker eine Rede halten lässt, der seit beinahe zwei Jahrzehnten im Ruhestand ist und gewiss keine Entscheidungen für oder gegen das Geschäftsmodell der Banken mehr trifft, sondern seine Erfahrungen und Gedanken äußert, ist das nicht nur legitim, sondern durch Artikel 5 des Grundgesetzes abgesichert.  

Wenn nun einem Banker die Meinung des Politikers nicht gefällt, sollte er für seine eigene Meinung werben, sollte den Diskurs suchen und überzeugen.  

Wenn die Reaktion jedoch darin besteht, dem Veranstalter vor aller Ohren mit Konsequenzen zu drohen, weil er es wagte eine andere Meinung als die eines Sponsors zuzulassen, spricht das für sich selbst.  

Gewiss ist eine Abendveranstaltung kein Rahmen, mit einem Banker erst einmal all die vorgenannten Positionen auszutauschen und zu definieren was seit Jahrhunderten Charakter einer Bank ist – auch wenn der Gesetzgeber hier noch keine Anpassungsrealitäten geschaffen hat.  

Aber wer glaubt, mit Geld die Meinung einzelner und die Meinungsbildung von einigen Hundert Anwesenden kaufen zu können, hat gewiss ein sehr eigentümliches Verhältnis zu seinem Berufsstand. Denn das Wesen der Bank ist es, einer pluralistischen Gesellschaft ein lebenswertes Leben zu ermöglichen.  

Ghandi traf sich mit der britischen Regierung, Rudi Dutschke sprach mit Günther Gaus, Axel Springer suchte den Dialog mit Breschenev, Reagan und Gorbatschov trafen sich in Reykjavik, Begin und Sadat reichten sich in Camp David die Hände – niemand muss jemanden lieben, dessen Position er nicht mag. Aber es ist eine Frage von Respekt, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen.  

Wenn nun eine Bank mit Geldhebeln versucht, missliebige Meinungen zu unterdrücken, ist das nicht nur zutiefst undemokratisch, sondern bestätigt auch viele Negativmeinungen – vor allem jedoch die vorgenannte These, dass sich die Banken bereits seit den 70er Jahren aus dem Gesellschaftssystem verabschieden. Allen Sponsorinfeigenblättern zum Trotz.  

Diskurs und Lösungsorientierung sind nur auf Augenhöhe möglich. Wenn das verweigert wird und mit Geld oder Druck nur genehme Meinungen beim Abendessen zugelassen werden, ist das keine seltene Ausnahme. In China oder Burma ist das die Regel.