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Archive für 4.2.2010
Quo Vadis Germania?
4.2.2010 by Reitzenstein.
Reitzenstein: Herr Professor Wiegard, wie beurteilen Sie die derzeitige gesamtwirtschaftliche Situation, insbesondere in Hinblick auf die Kreditklemme, die der Wirtschaft nach Meinung vieler droht?
Prof. Dr. Wiegard: Die Kreditklemme wird kontrovers diskutiert. Ein Blick in die Kreditvergabestatistik zeigt, dass das Kreditvolumen in Deutschland sich nicht wesentlich verändert hat. Die jüngst veröffentlichte Kredithürdenumfrage des Ifo-Instituts unter 4.000 deutschen Unternehmen zeigt zwar für den Januar 2010 einen leichten Rückgang bei der Beurteilung der Kreditrestriktionen an, befindet sich aber nach wie vor auf hohem Niveau. Letztlich ist das aber auch ein normaler Vorgang. In einer Wirtschaftskrise steigt die Insolvenzgefahr und die Banken müssen sich absichern und lassen angemessene Vorsicht walten. Ich möchte nicht ausschließen, dass die Kreditsituation sich im Verlaufe des Jahres 2010 noch anspannt, aber im Bereich normaler Parameter.
Reitzenstein: Was raten Sie dann Unternehmen, die dennoch krisenbedingt erhöhten Kreditbedarf haben?
Prof. Dr. Wiegard: Für diese Unternehmen hat die Bundesregierung den Deutschlandfond aufgelegt. Hier stehen den Unternehmen 40 Milliarden Euro eben für diesen Zweck zur Verfügung.
Reitzenstein: Diese Mittel werden jedoch von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) nicht unmittelbar vergeben. Viele Unternehmen klagen, dass die Hausbanken den Weg zu den KfW-Mitteln nicht freigeben, weil sie lieber eigen Darlehen ausreichen möchten und somit ihren Kunden für sich behalten möchten. Doch an Unternehmen, die krisenbedingt Geld brauchen, reichen die Hausbanken auch nur zögerlich Kredite aus. War das im Sinne des Erfinders?
Prof. Dr. Wiegard: Gewiss nicht. Es ist problematisch, dass die KfW ihre Mittel nicht unmittelbar ausreichen kann. Da die Großbanken und Landesbanken ihr Kreditgeschäft massiv heruntergefahren haben, sind die Sparkassen und Volksbanken oft eine sinnvolle Alternative.
Reitzenstein: Welchen Rat geben Sie österreichischem Geld, das sich einen sichereren Anlageort sucht?
Prof. Dr. Wiegard: Der deutsche Markt ist stabil. Zwar haben deutsche Banken auch große Summen in CEE verloren, aber im Verhältnis zum Geschäftsvolumen und zur Größe der Volkswirtschaft nicht soviel wie beispielsweise Österreich. Die Renditen sind zwar nicht am oberen Ende, aber dafür stabil und berechenbar. Zudem hat die Bundesregierung mit der Anfang 2008 in Kraft getretenen Unternehmensteuerreform einen attraktiven Investitionsstandort auch für ausländische Unternehmen geschaffen. Anfang 2009 wurde die Abgeltungssteuer eingeführt – so gibt es auch keine Diskriminierung von Kapitalerträgen zwischen Österreich und Deutschland mehr. Kurzum: Deutschland bietet eine stabile wirtschaftliche und gesetzliche Infrastruktur für Investitionen aus dem Ausland.
Reitzenstein: Was wird die Zukunft für die Staatsfinanzen bringen?
Prof. Dr. Wiegard: Im Jahre 2010 kann noch keine Konsolidierung stattfinden. Jetzt muss zunächst noch der beginnende Aufschwung stabilisiert werden. Hierzu wurde das Wachstumsbeschleunigungsgesetz verabschiedet. Steuerabsenkungen führen zu höherer Staatsverschuldung; diese muss jedoch genau kalkuliert werden und auf ihre Effekte überprüft.
Reitzenstein: Wann beginnt der Staat zu sparen?
Prof. Dr. Wiegard: Im Jahre 2011 muss eine starke Konsolidierungsphase beginnen. Jedoch muss sich die Bundesregierung den Vorwurf gefallen lassen, dass sie hier bislang weder ein Konzept vorgelegt hat, noch irgendwie definiert hat, an welchen wirtschaftlichen Stellschrauben sie den Bundeshaushalt konsolidieren will.
Reitzenstein: Was bedeutet das für die Zinssituation in der Eurozone, insbesondere für die Zinslast der öffentlichen Haushalte?
Prof. Dr. Wiegard: Die EZB ist unabhängig. Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass sie ihrem vornehmlichsten Auftrag nachkommt, das Preisniveau stabil zu halten. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass sie über diesen Punkt hinaus auch mittelfristig die Zinsen anhebt, um Druck auf die Mitgliedsstaaten auszuüben, ihre Haushalte rasch zu konsolidieren.
Reitzenstein: Herr Professor Wiegard, wir bedanken uns für das Gespräch.
Das Gespräch führte Julien Reitzenstein, erschienen in Österreich im Immobilienmagazin
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