Neues Leben in der Alten Strickfabrik in Leipzig

Am Ende des 19. Jahrhunderts, in der Gründerzeit, war das Karree in Leipzig zwischen Berliner Straße, Wittenberger Straße, Bitterfelder Straße und Apelstraße ein erschlossenes, aber unbebautes Grundstück. Es war das am nächsten zu Stadt und Bahnhof gelegene Karree eines großen neuen Viertels der Stadt.

Bald sollte in diesem Teil von Leipzig das Goldene Zeitalter sächsicher Industriekultur beginnen. Auch auf dem Karree am Beginn der Berliner Straße nahm der Aufschwung seinen Lauf: Die Gebrüder Frank Strickwarenfabrik wurde gegründet und produzierte in einem einstöckigen Gebäude. Bald darauf begann die Leipziger Straßenbahngesellschaft auf dem Nachbargrundstück auf der Ecke Apelstraße / Berliner Straße unter freiem Himmel Schienen zu lagern.

Die Belegschaft der Gebrüder Frank wuchs. So wurde vor der Fabrik mit königlich-sächsischem Privileg ein Hofabort mit fünf WC gebaut. Das war nicht nur hoch modern, sondern schuf jene Hauptabwasserleitung, die auch heute noch in Betrieb ist.

Die Nachfrage wuchs und schon bald konnten neben der Fabrik ein Dampfmaschinenhaus und ein Akkumulatorenhaus errichtet werden, deren Rückwände heute noch erkennbar sind.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand gegenüber der Fabrik ein zweites Fabrikgebäude. Es war dreistöckig und zog sich von der hinteren Grundstücksgrenze bis vor zur Berliner Straße. Darunter zog sich bis weit unter den Hof ein Hofkeller als Lager auf mehr als 2.000qm, der teilweise noch erhalten ist.

Die Straßenbahngesellschaft baute auf dem Nachbargrundstück eine Wagenhalle. Auf dem Grundstück auf der anderen Seite, an der Wittenberger Straße entstand eine Arzneifabrik.

Nachdem 1923 die Hyperinflation überstanden war, entwickelte sich auch die Strickfabrik weiter. Der straßenseitige Teil wurde auf fünf Stockwerke plus zwei Dachböden aufgestockt. Hier entstand in den neuen Stockwerken eine Krankenstation und eine Kantine.

Nebenan enstand ein Neubau. Dieser hatte fünf Vollgeschosse und eineinhalb Dachgeschosse. Dies ist das heute noch stehende Gebäue der Alten Strickfabrik.

So war beinahe der ganze Hof bebaut und die Fabrik florierte.

Dann jedoch ernannte 1933 der Reichspräsident v. Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Dieser ließ die Länder gleichschalten. Der NSDAP Gauleiter von Sachsen, Martin Mutschmann, wurde Reichsstatthalter in Sachsen. Dieser betrieb seit 1907 in Plauen eine Spitzenfabrik, zu der später mehrere andere Textilfabriken kamen. Seit 1930 gab er schon die Parteizeitung “Der Freiheitskampf” heraus, worin immer wieder die Enteignung von Industriellen jüdischen Glaubens gefordert wurde.

Die jüdischen Eigentümer wurden bald gezwungen, die Fabrik an einen Parteigenossen zu verkaufen.

Doch schon ab 1943 erhielt das Gebäude mehrere Bombentreffer. Noch heute ist der fünfstöckige Erweiterungsbau an der Berliner Straße ein Mahnmal gegen den Bombenkrieg. Hier stehen seit dem Einschlag einer Luftmine Ende 1944 nur noch die Fassade und die Seitenwände. Die Trümmer der Restgebäude sollen viele der Arbeiterinnen erschlagen haben.

Nach dem Kriege gab die DDR den jüdischen Eigentümern ihren Besitz nicht frei. Zwar waren die in den USA lebenden Erben formal Eigentümer. Aber die wurden gezwungen, für so niedrige Mieten an die dort einquartierten Volkseigenen Betriebe, wie das VEB Herrenmoden Korrekt zu vermieten, dass deren deutscher Anwalt bei der Bezirksleitung schon in den 70er Jahren beklagte, die Mieten betrügen nicht einmal die Hälfte der Unterhaltungskosten.

Das Gelände verfiel immer mehr. Seit 1953 gab es zudem immer wieder Versuche, die Ruine an der Berliner Straße abzureißen. Doch mal war kein Bagger verfügbar, mal kein Kran, dann fehlten wieder andere Dinge.

Schließlich gab es nach 36 Jahren Planung einen Abrisstermin - im Dezember 1989.

Nachdem die Mauer gefallen war, fühlte sich zunächst niemand zuständig. 1993 kaufte ein Bauträger das Areal und alle Ruinen wurden abgerissen, bis auf jene an der Berliner Straße.

Während die intakte Strickfabrik zu einem modernen Bürohaus umgebaut wurde, sollte auf deren Dach ein Penthouse entstehen und in der Ruine ein Studentenheim, zudem auf dem Hof eine Einkaufspassage.

Doch schon 1999 ging es dem Eigentümerunternehmen nicht mehr so gut - die Liegenschaft kam in die Zwangsverwalter.

Viele seriöse Mieter zogen aus, viele zweifelhafte zogen ein. Zahlreiche illegale Mieter, die immer neue Räume aufbrachen und besetzten, andere mit Ein-Euro-Mietverträgen, die ihre Miete nicht zahlten - das Gebäude verfiel zusehends.

                                                                Die Alte Strickfabrik heute

Dann kaufte im April 2009 ein Familienunternehmen aus Leipzig das Areal. Dieses setzt seitdem konsequent die Linie seiner Eigentümer um: Restauration und Reinvestition vor Rendite.

Die Liegenschaft wurde seit dem Erwerb einmal komplett durchsaniert, nun entsteht hier ein Zentrum für die Kreativwirtschaft. Junge start-ups, Autoren, Werber, Personal Trainer, Verlage, Instrumentenbauer und viele mehr ziehen nach und nach ein und beleben die Alte Strickfabrik.

Dabei handelt es sich ebenso um etablierte Unternehmen, wie auch um start-ups von SEPT, einem Projekt der Universität Leipzig. Im ehemaligen Privatkontor der Strickwarenfabrik Gebrüder Frank sitzt nun ein Pressebüro mit seiner Leipziger Niederlassung. Der dort beschäftigte Autor ist Historiker und erhielt von den Eigentümern den Auftrag, die Geschichte der Strickfabrik zu rekonstruieren und ab Ende 2010 eine Ausstellung im Foyer des Kontors daraus zu entwickeln.

Im Sommer 2010 soll endgültig die Ruine neben der Strickfabrik abgerissen werden. Schon jetzt gibt es eine attraktive gartenarchitektonische Planung für die Neugestaltung des Hofes. Hier soll nicht nur hinreichend Parkfläche vorhanden sein, sondern auch eine grüne Oase in der Nähe des Hauptbahnhofes. Damit die Kreativen in der Kreativwirtschaft auch viel Raum für kreative Pausen haben.

Die Alte Strickfabrik lebt wieder!

 

Julien Reitzenstein    Wilhelm von Reitzenstein

 

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